Freitag, 6. Dezember 2013

Anhaltender Landregen


Heute Morgen ein vollkommenes Novum. Es regnet. Soweit durchaus üblich. Doch es schüttet nicht. Und der Regen will auch nicht aufhören. „Anhaltender Landregen“, denke ich, drücke den Schlummerknopf auf meinem Wecker und drehe mich noch einmal um. Als ich während des Frühstücks dem niemals schweigenden Radio unserer Hauswache Omar lausche weiß ich, dass dieser ungewöhnliche Regen als durchaus passender Vorbote für einen melancholischen und eher traurigen Tag in Afrika gelten darf. Nelson Mandela ist mit 95 Jahren gestorben. Er wird den ganzen Tag über und sicher auch in den folgenden alle Gespräche und die Medien beherrschen. Man muss ihm seine Verdienste hoch anrechnen, am höchsten sicherlich, dass er nach 27 Jahren in Haft das Gefängnis nicht als verbitterter und gebrochener Mann verlassen hat sondern bis zuletzt für Versöhnung und eine friedliche Veränderung der Gesellschaft hin zum Besseren geworben hat. Man sollte dieses weltweit beachtete Ereignis aber auch zum Anlass nehmen, der unzähligen Menschen zu gedenken, die sicherlich ebenso große Taten, vielleicht sogar noch größere vollbracht haben und jeden Tag vollbringen, jedoch nicht zur Ikone aufgestiegen sind sondern unbeachtet in einer Gefängniszelle dahinsiechen. Wer sich immer schon gedacht hat „Das ist schlimm und nicht akzeptabel, aber ich kann ja nichts dagegen unternehmen“, dem kann ich aus eigener Erfahrung widersprechen und auf die Arbeit von Amnesty International aufmerksam machen, die tausende „Gefangene aus Gewissensgründen“ durch die Mitwirkung vieler Einzelner zur Freiheit verholfen hat. Nelson Mandela möge mir diese Instrumentalisierung verzeihen, aber ich bin sicher, dass er nichts dagegen gehabt hätte. Im Gegenteil.

And now for something completely different:

Mein zweiter Besuch im Kayunga District liegt nun schon ein paar Wochen zurück. Vielleicht ist dieser Abstand nötig um möglichst neutral vom Folgenden berichten zu können: Dem Besuch einer Messe der "Born again“-Gemeinde, der Denis jeden Sonntag beizuwohnen pflegt. Schon bei meinem ersten Besuch hatte mich Denis der Priesterin Eva vorgestellt und ich hatte seinerzeit zwar nicht versprochen an einem Gottesdienst in ihrer „Kirche“ teilzunehmen, aber eben auch nicht eindeutig widersprochen, was zwangsläufig als Zusage gewertet werden musste. So machten sich Denis und ich an diesem Sonntag also in aller Herrgottsfrühe, wie immer gequetscht in ein Sammeltaxi, auf die anderthalb-stündige Fahrt gen Nordosten. Und ich wusste nicht was ich zu erwarten hatte, freute mich sicherlich auf ein interessantes Erlebnis, blickte dem ganzen aber eher mit Misstrauen und Sorge entgegen. Das Gefühl sollte mich dann bis zum Ende der Veranstaltung auch nicht mehr loslassen. Die Messe wird in einer Kirche abgehalten, wobei aber nicht an architektonisches Weltkulturerbe sondern an eine einfachste Hütte mit Wänden aus Lehm zu denken ist, dessen Wände von innen mit Zeitungspapier beklebt sind. Der Boden ist nicht gepflastert, elektrisches Licht ist (noch) nicht installiert. Schon als wir ankommen sind einige Gläubige dabei Gebete zu sprechen. Die Augen sind geschlossen, die Arme gen Himmel gestreckt. Man sitzt oder kniet. Gebete werden in rasanter Geschwindigkeit ohne Atempause gesprochen. Auf den Jungen aus dem Osnabrücker Land mit mustergültigem katholischen Lebenslauf wirkt das Ganze anfangs recht suspekt. Aber ich bin sicherlich nicht hier um zu urteilen, sondern um einen weiteren Einblick in die Kultur und Lebensweise dieses Landes zu gewinnen. Nach Denis Aussagen ist unsere Anwesenheit während der ersten Gebete nicht nötig. Die Vorbeter scheinen das ganze unter sich auszumachen. Währenddessen sitzen wir vor dem Gotteshaus mit Priesterin Eva, die kaum Englisch spricht. Doch Denis fungiert als Dolmetscher und so erfahre ich, dass es ein sehr gutes Zeichen ist, dass ein Muzungu dem Gottesdienst beiwohnen wird. Außerdem fällt Eva mit der Tür ins Haus und fragt ob es möglich ist noch viel mehr Muzungus (oder richtig im Plural Bazungu) zum Gottesdienst zu bringen.

Eva, ihr Sohn und Daniel schweigen im Gespräch vertieft.

Nachdem ich sage, dass ich nichts versprechen kann, werden mir einige Mitglieder der Gemeinde vorgestellt und ich werde als Ehrengast von einer älteren Dame in das Gotteshaus geführt, wobei sie die charakteristischen hohen Laute ausstößt, die in Uganda traditionell Freude und Anlass zum Feiern ausdrücken. Im Folgenden sind alle Augen auf mich gerichtet, ich muss ein paar Worte sagen und mein Auftauchen wird natürlich als Zeichen Gottes gewertet. Kein besonders angenehmes Gefühl. In der ersten Stunde wird getrommelt, getanzt und gesungen. Einige der Frauen auf der Bühne/bzw. im „Altarraum“ tanzen sich in eine Art Trance und brechen schließlich zuckend zusammen. Was aussieht wie ein epileptischer Anfall wird mir später von Denis erklärt. Die Frauen seien von einer Art bösem Geist besessen gewesen und Gott sei in sie gefahren. Tatsächlich mischt sich hier wohl eine Form des traditionellen afrikanischen Naturglaubens an Geister und Dämonen mit den christlichen Inhalten des New Born-Glaubens. Denis berichtete mir auch von Wundern, die die Priesterin durch ihre Gebete bewirkt haben soll (ich möchte nicht vergessen zu erwähnen, dass Denis vom katholischen zum New Born-Glauben konvertiert ist). So wurden zum Beispiel „Verrückte“, die man gefesselt in die Kirche brachte, von ihrem Leiden geheilt; ebenso ein alter Mann von seiner Inkontinenz und ein weiterer gar von HIV/Aids. Auch meine anderen Kollegen im Büro wussten schon von Wundern zu berichten. Kurz: der Glaube an solche Ereignisse ist in Uganda weit verbreitet und in den meisten Religionen und allen Bildungsschichten anzutreffen. Die New Born-Kirche, die in Uganda groß im Kommen ist, würde daheim wohl (ohne dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehnen möchte da ich mich nicht informiert habe) als christliche Sekte angesehen.


Eindrücke des Gottesdienstes.
 
 Nach diesem ersten einschneidenden Erlebnis folgt eine weitere Stunde, in der alle Anwesenden die Möglichkeit haben den Mitgläubigen von dem durch Gott erfahrenen Glück zu berichten. Auch Denis hält aus dem Stehgreif eine beeindruckende und lange Predigt. Außerdem wird Geld für ein bevorstehendes Gemeindefest gesammelt. Ach übrigens: Das ganze natürlich in Luganda, wobei mir aber eine nette Frau alles Nötige ins Englische übersetzt hat. Die dritte und letzte Stunde ist größtenteils für Gebet und Predigt der Priesterin vorgesehen. Es wird eine Bibelstelle aus einem der Bücher der Propheten (habe leider vergessen welcher, hatte aber was mit dem Tal der Knochen zu tun) stückweise vorgelesen und von der Priesterin für die Gemeinde interpretiert. Danach wird gebetet. Und hätte ich, ohne die nötigen Sprachkenntnisse, nicht gewusst dass es sich um ein Gebet handelt, von der Gestik, Tonlage und ganzen Art des Vortrags wäre man eher von einer politischen Brandrede ausgegangen. Die Priesterin schreit fast, betet aggressiv, in rasantem Tempo, ohne Pause. Dazu zustimmende Rufe aus den Reihen der Gemeinde. Während und nach dem Gebet gibt die Gemeinde Geld- und Essensspenden an die Priesterin, die ansonsten nicht bezahlt wird. Zum Schluss noch einmal Musik und Tanz, man ist schließlich in Uganda.

Als das Ganze nach guten drei Stunden vorüber ist, bin ich sehr dankbar über diese exklusive und unvergessliche Erfahrung, aber auch ein wenig froh, dass dieser etwas bizarre Gottesdienst vorbei ist. Man mag darüber denken und urteilen wie man will. Ich persönlich habe insgesamt viel positive Energie (und ich meine es hier nicht im esoterischen Sinne) gespürt und konnte sehen, dass der Glauben den Menschen viel Kraft gibt. Viel anderes bleibt den meisten auch nicht, denn sie sind bitterarm und das Leben ist hart. Nichtsdestotrotz scheint mir persönlich der Reflex tatsächlich alles direkt auf göttliche Fügung zu projizieren als eine zu einfache Lösung. In einigen Fällen könnte es sogar soweit gehen, dass nötige medizinische Betreuung zu spät in Anspruch genommen wird, weil zunächst darauf gehofft wird, dass durch Gebete allein der Betroffene zur Besserung oder gar Heilung gelangen könnte.

Denis Tante war wieder einmal so nett uns mit reichlich Früchten für die nächsten Wochen auszustatten.
Beim nächsten Besuch muss ich mir wirklich etwas einfallen lassen um mich zu revanchieren... 

An die späte Rückfahrt möchte ich mich lieber nicht erinnern. Es sei nur erwähnt, dass der Dummkopf von einem Taxifahrer statt der zugelassenen 14 Personen 24 (davon zum Glück 4 Kinder) in den Kleinbus quetschen ließ. Zudem allerlei Säcke voll Matoke, Früchte und Holzkohle. Ich wurde, mal wieder, auf der Rückbank verstaut und konnte meine Beine 1 ½ Stunden keinen Zentimeter bewegen. Der Kofferraum konnte aufgrund der Überladung nicht geschlossen werden und wurde lediglich festgebunden, sodass die Abgase permanent in das Wageninnere gelangten. Die Geschwindigkeit wurde selbstverständlich nicht angepasst sondern im gewohnten Höllentempo über die nächtliche Hauptstraße gerast. Als wir dann die Außenbezirke Kampalas und damit den unglaublichen Verkehrsstau stadteinwärts erreichten war meine Laune endgültig im Keller. Mit dem nötigen Abstand möchte ich diese Erfahrung jedoch auf keinen Fall missen.

Was gibt es sonst neues aus Kampala:

·         Der Bürgermeister der Stadt, der der Oppositionspartei angehört, wurde abgesetzt was zu Ausschreitungen, Steinwürfen, Gummigeschossen und Tränengas in der Innenstadt führte.

·         Ein großer Markt für second hand-Kleidung im Stadtzentrum wurde durch einen Großbrand zerstört. Es ist das vierte mal in zwei Jahren, dass ein solcher Markt durch ein mysteriöses Feuer zerstört wurde, weshalb viele Betroffene verärgert reagierten. Wiederum Ausschreitungen, Steinwürfe, Gummigeschosse und Tränengas.

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