Montag, 30. Dezember 2013

Auf zum Sonnengipfel des biologischen Schwamms!

Lasst mich nun von einem kleinen, feinen afrikanischen Abenteuer erzählen, das mir das diesjährige Weihnachtsfest ersetzt hat: eine Reise in den Osten Ugandas und eine Wanderung auf den erloschenen Vulkan Mount Elgon und zu den Sipi Falls. Liest man die Prospekte wird der Vulkan, der durch die Staatsgrenze in eine ugandische und eine kenianische Hälfte getrennt wird, vor allem mit Superlativen beschrieben. Einstmals größter Berg Afrikas, durch Erosion in 20 Millionen Jahren heute zum siebthöchsten auf dem Kontinent degradiert. Mit 40 km² Fläche die größte Caldera der Welt. Wasserlieferant für über eine Millionen Ugander und biologischer Schwamm, der hier selten gewordenen Tier- und Pflanzenarten einen willkommenen Rückzugsraum bietet. Am sehr frühen Samstagmorgen mache ich mich auf die Reise. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, die Stadt schläft ihren Rausch vom Freitagabend aus. Nur wenige Autos und Bodas sind unterwegs. Die Luft ist ausnahmsweise angenehm frisch. Trotzdem saust der nie ganz verschwindende Dunst durch das Scheinwerferlicht, von dem man an diesem Morgen nicht weiß ob es sich um frühen Nebel oder um den noch nicht gelegten Staub des vergangenen Tages handelt. Ein Blick in die Kronen der Palmen bescheinigt erneut: Dies ist ganz eindeutig Fledermausland und die Dämmerung gehört ihnen. Auf dem Hof des post office stehen vier rote Postbusse bereit um die Menschen zu Weihnachten in alle Himmelsrichtungen in ihr Heimatdorf zu transportieren. Das Ganze geht wie immer chaotisch aber gesittet zu. Nach mehrmaligem Nachfragen entscheide ich den Bus nach Mbale gefunden zu haben. Ich bin froh mit wenig Gepäck zu reisen und somit nicht eine halbe Stunde warten zu müssen bis es im Laderaum verstaut ist. Der Bus selbst ist in erstaunlich gutem Zustand. Sogar ein kleiner Flachbildfernseher ist vorhanden, auf dem während der Fahrt ugandische Musikvideos zu sehen sein werden. Da ich pünktlich dort bin und viele Ugander nicht kann ich mir einen bequemen Fensterplatz aussuchen. Dieses mal werde ich wohl ausnahmsweise relativ schmerzlos reisen, da ich tatsächlich genug Platz für meine Beine habe. Mit nur einer Stunde Verspätung fahren wir los; raus aus Kampala und entkommen dem Hexenkessel. Ich bin gespannt, der Osten des Landes soll wunderschön sein. Eine Dunstglocke scheint nicht nur über der Stadt sondern dem gesamten Land zu liegen. Die Fahrt bis nach Mbale dauert ca. sechs Stunden. In jeder größeren Stadt wird am post office gehalten, Säcke voller Briefe und Pakete werden nach einem sich mir nicht erschließenden System ausgeladen. Menschen steigen ein und aus, werden von ihren Verwandten verabschiedet oder begrüßt. Das Personal des Busses verdient sich ein bisschen Bestechungsgeld, indem es sich manchmal weigert noch mehr Gepäck in die Luken zu stopfen. Erst nach Zahlung von 5.000 Schilling und mehr sind sie bereit das Gepäck einzuladen. Natürlich werden auch die obligatorischen Hühner transportiert und dieses mal im Laderaum verstaut. Die Menschen haben immerhin die Güte die festgebundenen Füße loszuschneiden, damit sich das Federvieh vor umherfliegenden Gepäck retten kann. Die Landschaften und Städte ziehen vorüber. Jinja, Tororo, dazwischen riesige Tee- und Zuckerrohrfelder, Mais, Reis, Kartoffeln oder Sumpfland, das dicht mit Papyrusstauden bewachsen ist, die an grüne, zu groß geratene Pusteblumen erinnern. Und allgegenwärtig der charakteristische, nie endende Kontrast von rostrot und sattem Grün, wenn sich eine Lehmstraße durch die Landschaft schlängelt. Mir fällt auf, dass ich der einzige Muzungu im Bus bin. Das Land wird zunehmend flacher und erstreckt sich um Tororo und Mbale in einer endlos scheinenden Ebene, die hier und dort von vulkanischen Hügeln unterbrochen ist, die wie Pilze in der Landschaft stehen.
 
Mbale ist eine der größeren Städte im Land und liegt am Rande eines Ausläufers des Mount Elgon. Von hier aus werde ich ein Taxi nehmen um nach Budadiri zu gelangen, dem Ausgangspunkt für meine Wanderung. Bei dem Taxi handelt es sich diesmal noch nicht einmal um einen der Toyota-Kleinbusse und es wir statt Huhn ein riesiger, bemitleidenswerter Truthahn mitgenommen, auf dem beim Ein- und Aussteigen unweigerlich alle Leute herumtreten. Die Straße ist schlecht, staubig und die 40 minütige Fahrt der reine Horror. Da hatte ich mich wohl zu früh gefreut. Im Büro der Ugandan Wildlife Authority bezahle ich die Tour. Ich muss den Eintritt in den Nationalpark und einen Ranger bezahlen. Außerdem miete ich eine Isomatte und ein Zelt, das sich leider als recht schwer herausstellt. Als ich bekanntgebe, dass ich keinen Träger für mein Gepäck möchte werde ich nur zweifelnd angeschaut. Um Geld zu sparen beschließe ich mir einen Tag zu schenken, indem wir am ersten Tag ein Camp überspringen. Das bedeutet zwar einen Aufstieg von 1.700 m auf 3.500 m in einem Rutsch, spart mir aber ca. 100 Dollar. Die Nacht verbringe ich in einer einfachen und günstigen Unterkunft. Budadiri ist ein kleines Dorf wie viele andere. Man bekommt hier das Gefühl tatsächlich im tiefsten, ländlichsten (und ärmsten) Afrika angekommen zu sein.

Eindrücke aus Budadiri, das den meisten Wanderern als Ausgangspunkt für die Besteigung des Mount Elgon dient.
 
Tag 1
Nach kargem Frühstück geht es um 7 Uhr zurück zum Büro der UWA, wo ich den Ranger treffe, der mich die nächsten Tage begleiten Wird. Moses scheint ein sehr netter Typ zu sein. Auch von ihm ernte ich nur ein müdes Lächeln als er erfährt, dass wir ohne Träger losziehen werden. Zumindest für meinen Teil. Moses ist erst gestern von einer Tour zurückgekehrt, entsprechend erschöpft und sein Gepäck wird getragen. Der erste Teil der Tour wird wider Erwarten auf dem Boda bestritten. In halbstündiger Fahrt geht es auf einer Staubpiste bis zum Ausgangspunkt, vorbei an Bananenplantagen und einfachen, runden Lehmhütten. Die Menschen müssen hier sehr arm sein, was mir später von Moses bestätigt wird. Die allermeisten sind Kleinbauern, die Kaffee, Bohnen, Zwiebeln und dergleichen anbauen. Das meiste Geld wird mit Kaffee verdient, aber da der Preis jüngst eingebrochen ist geht es den meisten Familien im Moment in finanzieller Hinsicht recht schlecht.
Bevor es los geht bringen uns die Bodas zum Ausgangspunkt der Wanderung, der noch ca. 10 km von Budadiri entfernt liegt.
Eine Frau mischt Lehn, Stroh und Dung zu einem
Zementersatz, mit dem die Hauswand im Hintergrund
verputzt wird.
 Gleich nachdem wir losgegangen sind meldet Moses erste Zweifel bezüglich des Trägers an. Es scheint lediglich zwei Optionen zu geben: Entweder sein Gepäck selber zu schleppen und im ersten Camp auf 2.900 m die Nacht zu verbringen oder das Camp zu überspringen, dann aber mit Träger. Wird man sehen, denke ich und so ziehen wir los. Das ambitionierte Tagesziel heißt Mude Cave Camp auf 3.500 m+NN. Der Weg („Sasa trail“) verläuft bis zur Grenze des Mount Elgon National Parks durch bewohntes und ackerbaulich intensiv genutztes Gebiet. Kleine und größere Flüsse rauschen an uns vorbei oder wollen überquert werden. Kinder helfen bei der Feldarbeit, laufen uns entgegen als sie uns entdecken, folgen uns für eine Weile. Moses kennt hier jeden und es wird öfters gestoppt um sich kurz auszutauschen. Hier, im Osten Ugandas, wird nicht Luganda sondern Swahili gesprochen. Moses Träger kommt uns entgegen, lediglich ausgerüstet mit Gummistiefeln und einer Machete. Die Menschen, die hier leben und arbeiten, bewegen sich spielend leicht und meist barfuß den Berg hinauf und hinab, während man selbst nach wenigen Minuten im Schweiß badet. Die Luft ist klar und frisch und riecht nach Gemüse. Die Landschaft ist wunderschön und blickt man zurück, so hat man einen weitreichenden Blick auf die flache Ebene, die sich westlich des Vulkans erstreckt. Noch bevor wir den Nationalpark erreichen hat mich Moses überzeugt doch einen Träger für den ersten Tag zu bezahlen. Nach kurzem Kampf zwischen Stolz und Vernunft muss ich schließlich einsehen, dass es gerade am ersten Tag keine gute Idee sein würde sich kaputt zu laufen. Schließlich sollte es am folgenden Tag auf den Gipfel gehen.
Das erste Stück Weg führt vorbei an kleinen Hütten und Feldern.
Wunderschöne Aussichten hält der Aufstieg bereit. Am Fuße des Ausläufers im Hintergrund liegt Mbale.
 
Die Grenze des Nationalparks ist lediglich dadurch auszumachen, dass der Feldbau von Wildwuchs abgelöst wird. Doch immer wieder kommen uns Viehhirten und Männer entgegen, die Bambus und Feuerholz auf den Kopf bergab tragen. Moses erklärt mir, dass es der lokalen Bevölkerung in bestimmtem Maße trotz Nationalpark gestattet ist einige Ressourcen wie eben Feuerholz zu nutzen. Der Anstieg ist nun steil, in praller Morgensonne. Der Schweiß fließt, sammelt sich an der Nasenspitze und tropft in regelmäßigen Abstand zu Boden. Bald erreichen wir die zweite Vegetationsstufe, den Bergwald, der kühlend Schatten spendet. Alte, moosige Bäume, die von Lianen und Flechten bewachsen sind verleihen dem Ganzen eine Art verwunschenen Eindruck. Die Flechte wird übersetzt „Bart des alten Mannes" genannt und dient getrocknet dem Menschen als Fidibus, dem Vogel zum Nestbau. Fremdartige Blumen, Sträucher und Bäume vermitteln einen überdauernden Eindruck. Besonders die Lobelia erinnert mich an Bilder meiner Erdgeschichte- und Paläontologie-Vorlesungen.
Tiefer Urwald mit Bart.
 Am frühen Nachmittag erreichen wir das Sasa River Camp. Die Träger stürmen sofort in die hier errichtete Hütte und entfachen ein Feuer. Zwiebeln, Tomaten und Kartoffeln werden präpariert und zusammen mit Posho auf offenem Feuer gekocht. Die Machete wird hierbei als Allzweckwerkzeug beeindruckend behände eingesetzt. Ich gebe mich mit einem Apfel und ein paar Keksen zufrieden, schlage den angebotenen Tee jedoch nicht aus. Während der Körper abkühlt merkt man wie kalt es hier oben ist. Nach ca. einer Stunde machen wir uns wieder auf den Weg. Der Bergwald geht hier in einen Bambusmischwald über, der auf ca. 3200 m schließlich von einer deutlich kargeren Heidelandschaft abgelöst wird. Hier dominieren Gräser, kleine Sträucher und eine weitere Art Lobelia, die schon mehr an einen Baum erinnert. Nach sieben Stunden erreichen wir das Mude Cave Camp, das Zelt wird aufgebaut und es wird gekocht. Ich kann mich vor einer recht kühlen und unbequemen Nacht noch am Feuer wärmen, während die Ranger und Träger auf einem Handy Dokumentationen über die ugandische Armee und ihren Kampf gegen Joseph Kony’s LRA und in Somalia schauen. Ich lerne, dass Moses 32 Jahre alt ist und seit 7 Jahren als Ranger arbeitet. Wir unterhalten uns auch ein wenig über die traditionellen Beschneidungen, die in dieser Region nach wie vor durchgeführt werden. Zwei Tribes beschneiden die Jungen im Alter von ca. 15 Jahren, ein Tribe beschneidet Mädchen. Letzteres wird aber von der Regierung untersagt und ist offiziell verboten. Der Vater bereitet die Beschneidung vor. Betäubt wird nicht und es ist nach Moses Aussagen äußerst schmerzhaft, sodass immer genügend Alkohol für den Jungen bereitgehalten wird um ihm wenigstens etwas die Sinne zu vernebeln. Desinfiziert wird die Wunde anschließend mit Asche. Durchgeführt wird die Operation von „Chirurgen“, wobei ich nicht herausfinden konnte ob es sich dabei tatsächlich um ausgebildetes medizinisches Fachpersonal handelt. Auch rituell hat die Beschneidung eine große Bedeutung. Der Schwanz eines Colobus-Affen spielt eine gewisse Rolle, mehr erfuhr ich hierüber allerdings nicht.
Auf über 3.000 m lichtet sich der Wald und macht einer Heidelandschaft Platz.
Tag 2
Heute soll es also auf den Wagagi-Gipfel gehen, mit 4321 m +NN der höchste Punkt des Mt. Elgon. Um 6.30 Uhr stehe ich auch, um 7 wollen wir loslaufen, damit wir auf dem Gipfel sind bevor uns die Wolken die Sicht auf das Umland verwehren. Zunächst einmal einen Tee um die durch die Kälte starren Glieder zur Aktion zu motivieren. Sonnencreme nicht vergessen. Gestern sind 3 Kroaten vom Gipfel gekommen, mit krebsroter Haut und Sonnenstich. Wir gehen also los. Oberhalb des Camps geht die Heidelandschaft schnell in Moorland über. Der Pfad ist schmal und ausgetreten. Es hat Frost gegeben, das Wasser in den Pfützen ist noch gefroren. Schweigend gehen wir der aufgehenden Sonne entgegen, der Gipfel ist noch nicht zu sehen, wird von der Jackson Peak, dem zweithöchsten Gipfel verdeckt, hinter der nun mit aller Gewalt die Sonne hervorbricht. Selbst mit Sonnenbrille schmerzen die Augen; halbblind geht es weiter. Man merkt hier deutlich, dass man sich eigentlich erst an die Höhe gewöhnen müsste, da das Atmen nicht leicht fällt. Auf knapp über 4.000 m erreichen wir den Jackson Pool, einen kleinen, flachen See, der durch Regenwasser gespeist wird und in dem sich blauer Himmel und Landschaft spiegeln. Die Jackson Peak ragt nur 150 m über diesen Punkt hinaus und scheint doch in unerreichbarer Höhe. Die Landschaft wird zunehmend karger und steiniger, bunte Flechten in rot, gelb und grün säumen den Weg. Wir umrunden die Jackson Peak, erreichen den Kraterrand und der Wagagi-Gipfel kommt in Sicht. Der erste Blick in die „größte Caldera der Welt“ fällt überraschend unspektakulär aus. Wie die übrige Landschaft ist alles von Gras bewachsen, leicht hügelig, also eher weich als schroff. Zahlreiche Kraterseen verschönern den Anblick und einige Gipfel säumen den Rand der Caldera; irgendwo dazwischen beginnt Kenia.
Die höchste Erhebung im Hintergrund ist die Jackson Peak.
 



Der Jackson Pool auf 4.000 m Höhe.


Der Wagagi-Gipfel aus der Ferne.



Der Blick in die größte Caldera der Welt fällt recht unspektakulär aus.
Dann also das letzte Stück zum Gipfel. Gleichzeitig mit der Höhe nimmt die Schwere der Beine zu und das Herz pumpt, dass es im Kopf nur so rauscht. Leichte Anzeichen von Höhenkrankheit zeigen sich, doch die Kopfschmerzen bleiben zum Glück im durchaus erträglichen Maß. Wir erreichen den Gipfel, auf dem ein bitterkalter Wind weht. Karger Fels auf 4321 m +NN, doch selbst hier ist die Baumgrenze noch nicht erreicht. Der Ausblick ist schön und wir sind gerade noch rechtzeitig angekommen. Erst Wolken greifen wie schaumige Finger über die niedrigeren Gipfel und den Rand der Caldera und drohen alles unter sich zu begraben. Moses heißt mich auf dem Wagagi-Gipfel willkommen, der von Einheimischen auch „Gipfel der Sonne“ genannt wird. Zur Feier des Tages spendiert er eine Mango. Da die klimatischen Verhältnisse leider nicht zum längeren Verweilen einladen machen wir uns nach nur einer Viertelstunde erleichtert auf den Rückweg. Dieser fällt deutlich länger als geschätzt aus und man fragt sich immer wieder, wie man es kurze Zeit zuvor überhaupt hier hoch geschafft hat. Der sich ankündigende Regen macht Druck, mahnt zur Eile. Das nun aufgetaute Moorland ist tatsächlich recht sumpfig, macht die ganze Sache etwas rutschig, aber federt immerhin den raschen Schritt.
Geschafft und erleichtert erreicht man die Spitze. Moses war so nett mir seine Wollmütze zu leihen.
Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zurück zum Camp, bevor der Regen einsetzt. Es ist erst kurz nach Mittag, sodass man sich den Rest des Tages von den Strapazen erholen kann. Es wird die weitere Route besprochen und beschlossen am Vormittag des folgenden Tages die nahe gelegene Wasserfälle zu besuchen bevor man den Abstieg auf dem Sasa-Trail beginnt. Wir bleiben nicht lange alleine. Zwei weitere Gruppen treffen ein, sodass die Hütte bald voll ist. Ein deutsch-niederländisches Pärchen hat den Trägern ein Weihnachtsgeschenk in Form eines lebenden Hahns gemacht, der auf den Berg hinauf geschleppt und am nächsten Tag geschlachtet und zubereitet wird. Es gibt Tee; Kartoffeln, Matoke und Fleisch werden einfach in die Glut gelegt, mit den Händen gewendet und wieder herausgenommen. Überhaupt scheinen alle recht resistent gegenüber Hitze zu sein, da keiner ein Problem damit hat in die Glut oder die offenen Flammen zu greifen.
Moses und die Träger kochen Tee, den man nach eisigen Temperaturen auf dem Gipfel nötig hat.
 
Tag 3
Nach einer zu langen, unbequemen Nacht lassen Moses und ich uns heute Zeit und starten erst gegen 9 Uhr zu den Dirigana Falls. Im Vergleich zu gestern ein dreistündiger Spaziergang. Das Panorama ist fantastisch. Im Vordergrund die weichen, mit Lobelia bewachsenen Hügel, während sich im Hintergrund, fast im blauen Dunst verschwindend, ein Gebirge aufzutürmen scheint, bei dem es sich jedoch um die letzten Ausläufer des Mount Elgon handelt. Wir erreichen einen schönen Flecken, an dem ein Fluss 6 m in die Tiefe stürzt. Nach der Mittagspause beginnt der Abstieg zum Sasa River Camp, der entspannt beginnt, jedoch schnell erneut in einen Wettlauf gegen den Regen ausartet, den wir dieses mal verlieren. Der Regen macht den Weg durch den Bergwald zu einer einzigen Rutschpartie. Am Wegesrand wächst Artemisia, ein bewährtes Heilkraut zur Behandlung von Malaria. Trotz Verbot gestattet mir Moses ein Ansichtsexemplar mitzunehmen. Vielleicht kann man das in Zukunft ja noch gebrauchen… Nass und dampfend erreichen wir die Hütte. Ich kann mir nach drei Tagen zum ersten die Haare mit dem eiskalten Flusswasser waschen; eine wahre Erlösung. Heute werden Moses und ich unter uns bleiben. Das Feuerholz ist nass und verwandelt die Hütte endgültig in eine Räucherkammer. Aus Gründen des Wetters und der Geselligkeit wird beschlossen, das Zelt nicht noch einmal aufzubauen, sondern die Nacht zu zweit in der Hütte zu verbringen. Moses läuft noch einmal einen Kilometer zurück um einen dicken Baumstamm zur Hütte zu rollen, den wir in der Folge versuchen werden unter Feuer zu setzen. Helfen lässt er sich erst auf den letzten Metern.
Dirigana Fälle.
Es ist erst früher Nachmittag, also genug Zeit um ein wenig kulturellen Austausch zu betreiben. Da Heiligabend ist werden unweigerlich das deutsche und das ugandische Weihnachtsfest miteinander verglichen. Anders als in Deutschland wird der Heiligabend in Uganda nicht gefeiert. Es gibt auch genug zu tun, da es üblich ist, dass man in sein Heimatdorf zu seiner Familie zurückkehrt (die hier in aller Regel ja relativ groß ausfällt). Natürlich muss hierbei die Frau ihren Mann in sein Heimatdorf begleiten und nicht umgekehrt. Der 24.12 wird also überwiegend mit Schlachten und den weiteren nötigen Vorbereitungen zugebracht. Das eigentliche Weihnachtsfest wird dann am 25.12 gefeiert und zwar so, wie man es bei uns auch kennt. Ich erkläre Moses, dass bei uns die eigentliche Feier am Heiligen Abend stattfindet, während die beiden Weihnachtstage vor allem für jede Menge Kaffee mit Verwandtschaft vorgesehen sind. Mein Heiligabend ist wahrlich kein Vergnügen. Alle Knochen schmerzen, die harte Holzpritsche gibt einem keine Ruhe. Sobald die Flammen kleiner werden machen sich die Mäuse in der Hütte bemerkbar. Moses steht ca. 20 mal während der Nacht auf um Feuerholz nachzulegen, was aufgrund der Nässe jedes Mal zu Rauchentwicklung führt, die einem kaum atmen lässt.
Das Sasa River-Camp wir nach Ankunft erst einmal ausgeräuchert.
 
Tag 4
Entsprechend gerädert beginnen wir am nächsten Tag um 6.30 Uhr den restlichen Abstieg. Der Regen scheint sich glücklicherweise auf den Wald beschränkt zu haben. Der Weg wird nach Verlassen des Waldes so steil, dass ein Abstieg im Regen unmöglich oder zumindest sehr gefährlich gewesen wäre. Wieder geht es also durch die wunderschöne Kulturlandschaft, vorbei an der Nationalparkgrenze, Feldern und auf ihnen arbeitenden Bauern, bei herrlichem Wetter und schönem Ausblick. Die Knie schmerzen und sehen dem Ziel schon freudig entgegen. Schon um 9 Uhr sind wir endlich wieder am Ausgangspunkt unserer Wanderung angelangt und die beiden Bodas bringen uns in wilder Fahrt bergab zum Büro der Wildlife Authority. Ich bedanke mich herzlich bei Moses, der sich rührend um mich gekümmert hat und schenke ihm zu Weihnachten meine kleine Kurbeltaschenlampe, da sie mir für ihn am nützlichsten scheint. Ich verhandele einen Preis mit einem der Bodafahrer, damit er mich zu den Sipifällen bringt, der bekanntesten touristischen Attraktion im Osten Ugandas, von der ich sehr viel Gutes gehört habe. Meine längste und schönste Bodafahrt beginnt. Über Lehm- und Teerstraßen geht es zügig nach Norden, zur rechten immer den Flanken den Mount Elgon folgend. Auf der gut ausgebauten Teerstraße dreht der Fahrer voll auf, sodass sich Adrenalin, Freiheitsgefühl und latente Todesangst die Hand reichen. In den kleinen Kirchen am Wegesrand werden Weihnachtsmessen gefeiert, also getanzt und laut gesungen. Moses erklärte mir, dass hier in der Regel die Weihnachtsmesse kürzer als der gewöhnliche Gottesdienst ausfällt (2 ½ statt 3 Stunden), da alle viel zu tun haben. Nach 30 Minuten biegen wir ab und folgen der Teerstraße Richtung Sipi, die sich nun in Serpentinen wieder eine Bergflanke hochschlängelt, die wunderschöne Aussichten auf das Umland bereithält. Die Prospekte haben nicht gelogen, die Gegend um die Sipifälle (bei denen es sich um eine Kaskade von drei Wasserfällen handelt, der größte von ihnen beeindruckende 100 m hoch) ist wunder-, wunderschön. Der richtige Ort um sich in den nächsten beiden Tagen von den Entbehrungen und Strapazen zu erholen. Am nächsten Tag werde ich das deutsch-niederländische Paar wiedertreffen, die sehr freundlich sind und mir anbieten mich in einem special hire (was man bei uns als Taxi bezeichnen würde) bis nach Jinja mitzunehmen, was mir viel Geld und Zeit spart. An dieser Stelle noch einmal danke dafür!
An den mächtigen Sipi-Fällen stürzt das Wasser fast 100 m unter lautem Getose in die Tiefe.


Der Blick von meinem Zimmer aus...
 

 
War noch etwas? Ach ja, Weihnachten. Viel hat man nicht davon mitbekommen. Die Reden und der Gesang der Kirche wurden stundenlang bis zu meiner Unterkunft getragen. Nach der Messe stellte sich die Unterkunft dann auch als beliebter Treffpunkt zur Feier bei der lokalen Bevölkerung heraus. Die Kinder waren sehr putzig in den besten Klamotten und viel zu großen Schuhen, die in der Regel nicht wirklich zusammen passten. Anders als daheim steht das Leben über Weihnachten aber nicht wirklich still. Viele Läden sind nach wie vor geöffnet und es schien mir als würden die meisten Menschen nach der Kirche ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen.
Ugandischer "Tannenbaum".
In der Rückschau ein wunderbares, kleines Abenteuer in einer spektakulären, wilden und naturbelassenen Landschaft und eine gute Alternative zum ausgefallenen Weihnachtsfest.

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